Chaileapedia
ChaileapediaSeifenwissenschaft
Seifenwissenschaft

Was ist Naturseife? Ein Leitfaden zu Inhaltsstoffen, Herstellungsverfahren und gesetzlichen Vorschriften

Kurz gesagt: Naturseife ist ein Reinigungsmittel, das durch die Verseifungsreaktion von Pflanzenölen mit Alkali (Natriumhydroxid) entsteht und keine synthetischen Reinigungsmittel enthält. Echte Naturseife enthält Glycerin, trocknet die Haut nicht aus und ist biologisch abbaubar.

Naturseife ist ein Reinigungsmittel, das durch die Verseifungsreaktion (Saponifizierung) von Pflanzenölen mit Natriumhydroxid (NaOH) oder Kaliumhydroxid (KOH) entsteht und keine synthetischen Tenside enthält. Der Begriff „Naturseife“ ist jedoch weder in der türkischen Gesetzgebung noch in der EU-Verordnung (EG/1223/2009) offiziell definiert – dies schafft die Grundlage dafür, dass der Begriff im Marketing in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. Dieser Artikel befasst sich mit der Frage, was natürliche Seife ist und was nicht, und beleuchtet dies aus der Perspektive der Inhaltsstoffe, des Herstellungsverfahrens und der Rechtsvorschriften.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Er enthält keine Produktwerbung oder Heilversprechen.

Die Verseifungsreaktion: Die Chemie der Seife

Seife ist chemisch gesehen ein Alkalisalz von Fettsäuren. Bei der Herstellung reagieren pflanzliche oder tierische Fette mit einer starken Base (NaOH – für feste Seife; KOH – für flüssige Seife). Diese Reaktion wird als Verseifung bezeichnet und führt zur Bildung von zwei Produkten: Seife (Fettsäuresalze) und Glycerin.

Vereinfacht lautet die Verseifungsgleichung:

Fett + NaOH → Seife + Glycerin

Diese Reaktion ist unumkehrbar – das heißt, die entstandene Seife wandelt sich nicht wieder in Fett und Lauge zurück. Ist die Reaktion abgeschlossen, bleibt bei einer korrekt berechneten Rezeptur keine freie Lauge (NaOH) übrig; die Fette werden vollständig in Seife umgewandelt und als Nebenprodukt entsteht natürliches Glycerin.

Glycerin: der verborgene Wert der Seife

Das bei der Verseifung entstehende Glycerin ist ein natürlicher Feuchthaltestoff (Humektans). Bei der industriellen Seifenherstellung wird dieses Glycerin in der Regel abgetrennt und zu einem höheren Preis an die Kosmetikindustrie verkauft. Bei Seifen nach dem Kaltverfahren (Cold Process) verbleibt das Glycerin hingegen in der Seifenstruktur – dies ist der Hauptgrund dafür, dass sich handgemachte Seifen „feuchtigkeitsspendender“ anfühlen.

Was ist „natürliche Seife“ nicht?

Um den Begriff „natürliche Seife“ zu verstehen, ist es hilfreich, zunächst zu klären, was sie nicht ist.

Reinigungsmittel auf Detergensbasis (Syndet-Seifen)

Ein Großteil der Produkte, die in den Supermarktregalen als „Seife“ verkauft werden, sind eigentlich keine Seifen, sondern Reinigungsmittel auf Basis synthetischer Waschmittel (Syndet = synthetic detergent). Diese Produkte enthalten anstelle von Verseifungsprodukten synthetische Tenside (in der Regel Natriumlaurylsulfat – SLS, Natriumlaurethsulfat – SLES oder Natriumcocoylisethionat – SCI). Technisch gesehen sind sie keine „Seife“, sondern werden als „Reinigungsseife“ (cleansing bar) klassifiziert.

Die Grenzen der Bezeichnung „natürlich“

Ein kritischer Punkt: Der Begriff „natürlich“ hat in der Kosmetikgesetzgebung keine offizielle Definition. Weder die EU-Kosmetikverordnung (EG/1223/2009) noch die türkische Kosmetikverordnung legen eine gesetzliche Definition oder Zertifizierungskriterien für „natürliche Seife“ fest. Dies eröffnet die Möglichkeit, den Begriff „natürlich“ im Marketing weit gefasst und mitunter irreführend zu verwenden. Die Kennzeichnung eines Produkts als „natürlich“ bedeutet nicht zwangsläufig, dass alle Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs sind.

Unabhängige Zertifizierungen für die Angabe „natürlich“

Um diese Definitionslücke zu schließen, sind unabhängige Zertifizierungsstellen tätig geworden: COSMOS (Cosmetic Organic and Natural Standard – Ecocert/Soil Association), NATRUE, BDIH und USDA Organic. Diese Zertifizierungen legen Standards für „natürliche“ und „biologische“ Kosmetik fest – einschließlich zulässiger und verbotener Inhaltsstoffe, Herstellungsverfahren und Kennzeichnungsvorschriften. Die Erlangung dieser Zertifizierungen ist jedoch nicht verpflichtend und kann für viele kleine Hersteller kostspielig sein.

Seifenherstellungsverfahren: Welches ist „natürlicher“?

Das Herstellungsverfahren der Seife wirkt sich direkt auf die Eigenschaften des Endprodukts aus. Die wichtigsten Verfahren sind:

Kaltverfahren (Cold Process – CP)

Öle und eine Laugenlösung werden bei niedrigen Temperaturen (30–50 °C) vermischt, in Formen gegossen und 4–6 Wochen lang reifen gelassen. Die Verseifungsreaktion wird in der Form und während des Reifungsprozesses abgeschlossen. Glycerin bleibt im Seifenkörper erhalten. Ätherische Öle und empfindliche Inhaltsstoffe werden dank der niedrigen Temperatur besser geschützt. Dies ist das am häufigsten verwendete Verfahren bei handgemachter Naturseife.

Heißverfahren (Hot Process – HP)

Öle und die Laugenlösung werden erhitzt (in der Regel auf 60–80 °C), um die Reaktion zu beschleunigen. Die Verseifung ist innerhalb weniger Stunden abgeschlossen. Die Reifungszeit ist kürzer. Die Textur kann gröber und rustikaler ausfallen. Das traditionelle Kochverfahren in Kesseln (Aleppo-Seife, Bittim-Seife) fällt in diese Kategorie.

Schmelz- und Gießverfahren (Melt and Pour – MP)

Eine fertige Seifenbasis wird geschmolzen, mit Duft- und Farbstoffen versetzt und in Formen gegossen. Die Verseifung erfolgt nicht durch den Hersteller – es wird eine industriell hergestellte Basis verwendet. Technisch gesehen handelt es sich nicht um „Seifenherstellung“, sondern um „Seifenformung“. Die Seifenbasen können in der Regel synthetische Tenside (wie SLS) enthalten.

Industrielles kontinuierliches Verfahren

In großen Fabriken erfolgt die Produktion unter hohem Druck und bei hohen Temperaturen in Durchflussreaktoren. Glycerin wird abgetrennt. Synthetische Duft-, Farb- und Konservierungsstoffe können hinzugefügt werden. Die Kosten sind gering, die Produktionskapazität hoch.

Worauf sollte man bei der Beurteilung von Naturseife achten?

1. Liste der „INCI“ (Inhaltsverzeichnis)

Der zuverlässigste Ausgangspunkt ist die „INCI“-Liste (Liste der Inhaltsstoffe) des Produkts. Die EU-Kosmetikverordnung und die türkische Kosmetikverordnung schreiben vor, dass alle Kosmetikprodukte die „INCI“-Liste auf dem Etikett angeben müssen. In der „INCI“-Liste werden die Inhaltsstoffe in der Reihenfolge ihrer Konzentration (vom höchsten zum niedrigsten Anteil) aufgeführt. In der Liste „INCI“ von Seifen aus dem Kaltverfahren finden sich in der Regel die Bezeichnungen der verseiften Öle wie „Sodium Olivate“ (Olivenölseife) und „Sodium Cocoate“ (Kokosölseife).

2. Angabe des Herstellungsverfahrens

Die klare Angabe des Herstellungsverfahrens durch den Hersteller (Kaltverfahren, Heißverfahren usw.) ist ein wichtiges Zeichen für Transparenz. Der Begriff „handgefertigt“ allein definiert das Verfahren nicht – auch das „Melt-and-Pour“-Verfahren kann als „handgefertigt“ bezeichnet werden.

3. Überprüfung auf synthetische Inhaltsstoffe

Sind in der INCI-Liste SLS (Sodium Lauryl Sulfate), SLES (Sodium Laureth Sulfate), Parabene (Methylparaben, Propylparaben), EDTA, BHT auf der INCI-Liste zu finden sind, wurde das Produkt wahrscheinlich nicht nach dem traditionellen Verseifungsverfahren hergestellt oder es wurden nach der Herstellung synthetische Zusatzstoffe hinzugefügt.

4. Herkunft des Duftes

Der Begriff „Parfum“ oder „Fragrance“ in der INCI-Liste weist auf die Verwendung synthetischer Duftstoffe hin. Für natürliche Duftstoffe sind die Bezeichnungen der ätherischen Öle (z. B. Lavandula Angustifolia Oil, Melaleuca Alternifolia Leaf Oil) zu erwarten. Der Begriff „Parfum“ kann jedoch manchmal auch für Mischungen natürlicher ätherischer Öle verwendet werden – in diesem Fall muss man sich auf die Angaben des Herstellers beziehen.

5. Farbstoffquelle

Natürliche Farbstoffe: Ton (Kaolin – weiß, Bentonit – grau, Kaolin + Eisenoxid – rosa), pflanzliche Pulver (Kurkuma – gelb, Kakao – braun, Spirulina – grün), Aktivkohle (schwarz). Synthetische Farbstoffe: werden mit FD&C- oder CI-Nummern gekennzeichnet (mit Ausnahme von CI 77891 – Titandioxid – sind die meisten synthetisch).

Naturseife und Haut: Erwartungen und Fakten

Das Thema pH-Wert

Alle echten Seifen (Verseifungsprodukte) weisen naturgemäß einen alkalischen pH-Wert auf – in der Regel im Bereich von pH 9–10. Dieser liegt über dem natürlichen pH-Wert der Haut (4,5–5,5). Die Bezeichnungen „pH-neutrale Seife“ oder „Seife, die dem pH-Wert der Haut entspricht“ sind für Verseifungsprodukte technisch nicht möglich – diese Bezeichnungen gelten in der Regel für Syndet-Seifen (synthetische Reinigungsmittel). Gesunde Haut gleicht einen vorübergehenden pH-Anstieg innerhalb kurzer Zeit (15–30 Minuten) wieder auf den normalen Bereich aus („Wiederherstellung des Säureschutzmantels“).

Erwartungen an die Feuchtigkeitsversorgung

Die Hauptfunktion von Seife ist die Reinigung – nicht die Feuchtigkeitsversorgung. Bei kaltgesiedeten Seifen beeinflussen jedoch der natürliche Glycerinanteil, der Anteil an Überfettung (unverseiftes Fett) und das Profil der verwendeten Öle direkt, wie „spannend“ oder „weich“ sich die Haut nach der Seifenanwendung anfühlt. Daher sollte der Begriff „feuchtigkeitsspendende Seife“ nicht so verstanden werden, dass die Seife die Haut aktiv mit Feuchtigkeit versorgt, sondern dass sie während der Reinigung die natürliche Feuchtigkeit der Haut weniger stark entzieht.

„Natürlich“ ist nicht gleichbedeutend mit „sicher“

Ein wichtiger Hinweis: „Natürlich“ bedeutet nicht automatisch „sicher“ oder „allergiefrei“. Ätherische Öle sind starke bioaktive Inhaltsstoffe und bergen ein Allergiepotenzial. Pflanzenextrakte können Kontaktdermatitis auslösen. Haselnussöl kann bei Personen mit einer Nussallergie Reaktionen hervorrufen. Bei der Auswahl einer Naturseife wird empfohlen, die Liste unter INCI zu überprüfen, das eigene Allergieprofil zu kennen und ein neues Produkt vor der ersten Anwendung an einer kleinen Hautstelle zu testen (Patch-Test).

Rechtliche Perspektive: Türkei und EU

In der Türkei wird Seife im Rahmen der Kosmetikverordnung bewertet. Alle Kosmetikprodukte (einschließlich Seife) müssen über das ÜBİS (Produktmeldesystem) des Gesundheitsministeriums gemeldet werden. Die EU-Kosmetikverordnung (EG/1223/2009) legt verbindliche Kennzeichnungspflichten, die Liste der „INCI“, die Sicherheitsbewertung (CPSR) sowie Listen verbotener bzw. eingeschränkter Inhaltsstoffe (Anhang II–VI) fest. Diese Verordnung enthält keine gesonderte Definition für „natürlich“ oder „biologisch“ – diese Lücke wird durch unabhängige Standards wie COSMOS und NATRUE geschlossen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Naturseife?

Natürliche Seife ist ein Reinigungsmittel, das durch die Verseifungsreaktion (Saponifizierung) pflanzlicher Öle mit NaOH oder KOH hergestellt wird und keine synthetischen Tenside enthält. Der Begriff „natürlich“ ist jedoch in den Rechtsvorschriften nicht offiziell definiert.

Was ist der Unterschied zwischen Naturseife und industrieller Seife?

Die wesentlichen Unterschiede sind: das Herstellungsverfahren (handgefertigt im Kalt- oder Heißverfahren vs. industrielles kontinuierliches Verfahren), der Glycerin-Gehalt (bleibt in der Naturseife erhalten, wird in der industriellen Seife abgetrennt), die Zusammensetzung (pflanzliche vs. synthetische Zusatzstoffe) und die Reifezeit.

Hat natürliche Seife einen hohen pH-Wert?

Ja – alle echten Seifen weisen naturgemäß einen alkalischen pH-Wert (9–10) auf. Dies ist eine natürliche Folge des Verseifungsprozesses. Gesunde Haut gleicht diesen vorübergehenden pH-Anstieg innerhalb von 15–30 Minuten wieder aus.

Ist der Begriff „Naturseife“ gesetzlich geschützt?

Nein – weder in der EU-Verordnung noch in der türkischen Gesetzgebung gibt es eine offizielle Definition für „Naturseife“. Diese Lücke wird durch unabhängige Zertifizierungsstandards wie COSMOS und NATRUE geschlossen.

Ist Naturseife für jeden unbedenklich?

„Natürlich“ bedeutet nicht automatisch „sicher“ oder „allergiefrei“. Ätherische Öle und Pflanzenextrakte bergen ein Allergiepotenzial. Es wird empfohlen, die Liste unter INCI zu überprüfen und neue Produkte zunächst an einer kleinen Hautstelle zu testen.

Quellenangaben

1. Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates über Kosmetikprodukte.

2. Türkische Kosmetikverordnung – Ministerium für Gesundheit der Republik Türkei.

3. Spitz, L. (2009). Soap Manufacturing Technology. AOCS Press.

4. Cavitch, S. M. (1997). The Natural Soap Book. Storey Publishing.

5. COSMOS-Standard – Cosmetic Organic and Natural Standard. cosmos-standard.org

6. Dunn, K. M. (2010). Wissenschaftliche Seifenherstellung. Clavicula Press. doi:10.1007/978-3-319-52134-6


Lesen Sie den Originalartikel auf Türkisch unter chailea.com →

Oğuz Kağan Dereci

MSc Chemiker · Chailea / ChaiNovi Sanayi Ticaret Ltd. Şti.

Chaileapedia entsteht aus der Inhaltsstoffforschung, die den kaltverarbeiteten Seifen von „Chailea“ in Rize an der türkischen Schwarzmeerküste zugrunde liegt. Jeder Eintrag ist unter dem Namen „INCI“ dokumentiert, mit Quellenangaben und ohne Übertreibungen.

Chaileapedia ist ein informatives Nachschlagewerk über Kosmetikwirkstoffe und die Wissenschaft der Seifenherstellung. Es dient nicht der Diagnose, Behandlung, Heilung oder Vorbeugung von Krankheiten.